Es ist spannend, wie ein Forscher endlich doch noch auf die Spezies Mensch getroffen zu sein, die man immer gesucht hat. Menschen, die sich innerlich wirklich nicht denken, ja aber sein Gesicht ist wirklich hässlich oder ihr Arsch sieht aus wie eine Trockenpflaume.
Du triffst auf jemanden, der so gar nicht denken kann. Es ist unbegreiflich und faszinierend zugleich.
Man muss sich zügeln, nicht tausend Fragen zu stellen, die dieser besondere Mensch ja nun auch nicht zum ersten Mal hört. Aber wie das so ist, man kann nicht jede Frage an jeden Menschen richten. Zum Fragen vieler Fragen gehört Vertrauen. Und zu Vertrauen gehört unglaublich viel.
Deswegen bin ich trotzdem nicht auf einen Gott gestoßen. Eben auf einen Menschen. In einer Rubrik ist dieser Mensch eben so besonders, dass ich sagen kann niemals jemanden getroffen zu haben, der so denkt in dieser Rubrik. Und das dann auch noch wirklich aufgrund des Augenlichtes, des Hirns.
Man darf ja nie vergessen, dass wir nur mit den Augen sehen, weil wir ein Gehirn haben das einigermaßen vor sich hin ackert. Und mit dem richtigen Knopf kann man Dich lila Schweine sehen lassen, ohne das Du es beeinflussen könntest. Es ist eben auch nur ein riesiger Fernseher, und unsere Augen sind die Mattscheibe auf der wir ständig und immer wieder von Werbung berieselt werden.
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Ein Mensch. Er ist freundlich, nach außen hin hat er so seine kleineren Zwänge, die auf die Hohlköpfe wieder gehässige Belustigung ausüben.
Er wendet sich Dir nicht zu, wenn er mit Dir spricht. Nur ganz selten, wenn er scheinbar meint, es sei für Dich angenehmer. Die Augen zucken nur leicht, ab und an bleiben sie auf einem Punkt hingerichtet stehen, aber sie schauen nicht wirklich. Man hat fast das Gefühl, dass sie versuchen mit dem mitzuhalten, was der Rest der Sinne alles gerade erfährt. Die Augen sind neidisch und laufen aufgeregt hin und her.
Es kommt zu keinem peinlichem Moment, in dem man sich fragt was dieser Blick jetzt wieder sollte.
Alles wird genau beschrieben, jeder Gedanke klar geäußert, man ist noch etwas verhalten, weil man nicht weiß, ob man dem anderen vielleicht unbewusst auf die Füße tritt.
Ziemlich schnell wird einem aber klar, dass es keinen Grund gibt nervös hin und her zu blicken oder auszuweichen. Wenn man selbst die Augen schließt, hat man genügend Ruhe um sich nicht von den eigenen Guckern unnötig ablenken zu lassen. Denn man sieht genug. Das klingt pathetisch, aber es ist vollkommen und genau so wie ich es wahrnehme.
Ich weiß, dass er ein Bild von mir hat. Es sieht nicht aus wie das was wir uns vorstellen, egal wie es wird niemals wirklich eine menschliche Gestalt haben, wie wir sie kennen.
Farben sind bedeutungslos, eine Schamesröte bleibt unbemerkt - Das denkt man zumindest als Sehender. Dann erst fällt einem auf, dass man sich bereits mit Atmung, Geruch oder Sprache verraten hat. ,, Du musst jetzt nicht rot werden.". Ich bin rot geworden. Und ich saß einen guten Meter weit weg und habe gar nichts gesagt.
Es ist atemberaubend, mal mit einem Menschen auf den ersten Blick sofort zu können, weil man eine Leidenschaft teilt. Klar ist das auch so, wenn man z.B. Fussball liebt und in ein Stadion geht, dort auf Gleichgesinnte trifft und zusammen eine Einheit bildet.
Aber es ist nicht das Gleiche. Die ersten Sätze eines Menschen sagen so unglaublich viel aus.
Am Klang der Stimme erkennst Du, wie unsicher jemand ist, egal wie gut er sich verstellt.
Du kannst unglaublich viel herauslesen - Dabei kannst Du Dich auch täuschen.
Aber Du kannst nichts sehen oder empfinden, dass Du wirklich nicht sehen oder empfinden kannst.
Als ich ihm etwas in sein Ohr gesungen habe, ist er sofort in einen Schwall an Aufregung versunken.
Klar und deutlich zeigte er seine Empfindungen, so wie es die wenigsten Menschen machen, vor allem wenn man sich gerade erst kennengelernt hat. Er entdeckt eine Gemeinsamkeit, die für ihn in diesem Moment alles ist. Und das ist das Einzige, was dann zählt, Und daran erfreut er sich.
Das steckt so sehr an, dass man selber ganz verblüfft ist. Es ist ihm egal wie er steht oder gerade aussieht, denn er kann es sich nicht vorstellen. Er hat nicht die Chance selber einzuschätzen wie er sich findet, nur von äüßeren Kommentaren kann er versuchen nachzuempfinden, wie andere ihn sehen.
Ich bin mir sicher, dass er nur diese Unzufriedenheit hat, weil sie wieder von uns Sehenden an ihn herangetragen wurde. Und es ist umso ungerechter, weil er selbst gar nicht kontrollieren kann, ob er die Urteile der Menschen bestätigt oder ablehnt.
Das muss frustrierend sein. Man bekommt einen Stempel und kann diesen nicht nachvollziehen.
Weil man simpel nicht kann. So wie ich nicht einfach fliegen kann.
Wie er mit mir spricht ist wirklich zauberhaft und charmant. Er verwendet keine Beschreibungen von Farben. Er redet in Gefühlen, in Geschmacksrichtungen. Er beschreibt nicht ein einziges Mal wie irgendetwas aussieht, ob eine Person oder ein Gegenstand. Und trotzdem verstehe ich alles was er sagt und hänge an seinen Lippen. Man kann sich stundenlang unterhalten, und es wird nicht unangenehm. Trotzdem bin ich neugierig,wie er mich wohl sieht. Immer wieder bin ich kurz davor zu fragen, habe aber irgendwie Angst vor der Antwort, die alles genauso kaputt machen könnte, wie die der Hohlköpfe es so oft getan haben. Und da ich selbst keinen Wert darauf lege verkneife ich mir die Frage und rede über alles andere.
Am Anfang versuche ich ihn nicht zu berühren. Ich will, dass er mich kennenlernt, ohne mich einer Gestalt zuzuordnen, bin gespannt auf das was er sich im Kopf zusammenfügt.
Es ist, egal wie sehr ich es versuche, für mich genauso wenig vorstellbar was er genau sieht.
Aber es ist irgendwie auch nur am Rande wichtig. Da er selbst über so etwas nicht spricht.
Einmal, als er meine Haare berührte, was dass erste war das er anfasste, da war er hin und weg und strich immer wieder rüber um es sich genau einzuprägen. Er war sehr vorsichtig und es war mir überhaupt nicht unangenehm. Was bei vielen anderen "Fremden" definitiv so gewesen wäre.
Ich habe da zum ersten Mal versucht, ihm zu erklären wie es aussieht. Ich habe von Locken und blond und braun geredet. Da hat er einfach nur geschwiegen, und es war mir unangenehm. Denn ich glaube er fand diese Information langweilig und uninteressant. Und irgendwie finde ich das auch ganz gut so. Wenn wir zusammen sind verfliegt die Zeit. Wir haben uns vieles zu erzählen, wollen uns kennenlernen. In kurzer Zeit hat er meine intimsten Momente erfahren und ich seine.
Ich bin nicht sicher, was ich fragen darf und ob ihn manche Fragen nicht nerven, denn er muss sie oft gehört haben. Trotzdem wage ich es nach ein paar Tagen voller eigenartiger, aber vieler toller Momente: ,, Sag mal, darf ich Dir eine persönliche Frage stellen?". - ,, Du darfst mich alles fragen.".
Ich lächle und fühle mich erleichtert. ,, Bist Du von Geburt an blind?".
Das war für mich wichtig, denn nur dann kann ich einordnen, ob er eine räumliche Vorstellung hat, Farben erinnert und wie ich am besten Dinge erklären kann.
,, Ja, dass bin ich.", sagt er ruhig und gelassen. ,, Und das heißt doch, dass Du noch nie Farben gesehen hast? Oder einen Menschen?". - ,, Ja.".
Ich fühle mich immer noch unwohl. Wir kommen aber schnell in einen Redefluss über unsere Macken und Mechanismen, die uns das Leben erleichtern. Wir finden Dinge, die so unterschiedlich nicht sind, aber für den "normalen" Menschen einfach merkwürdig sein müssen.
Daran erkenne ich langsam, wie er Menschen sieht. Und es haut mich um, macht mich unglaublich froh, dass ich endlich eine Erfahrung mache, die mir vor Jahren wirklich geholfen hätte.
Wir sind alle so unglaublich blind. Und ich kenne niemanden von uns ach so tollen Sehenden, der im Stockdunkeln nicht auf die Nase fällt. Ich habe große Angst im Dunkeln. Aber ich glaube es ist gut zu wissen, dass da jemand ist, der aufpassen würde, dass ich nicht hinfalle und mich beruhigen könnte. Es ist eigenartig, dass wir solange wir Sehenden nicht im Dunkeln stehen, Blind sein als riesiges Manko verstehen. Ich denke mir nur bei diesen Gesprächen, dass ich mit geschlossenen Augen viel mehr mitbekomme. Ich bin froh, dass ich sehen kann. Aber ich bin auch umso bereicherter, dass es jemanden gibt, der mich noch viel mehr sehen lässt, als es jemals irgendeine Brille hätte ableisten können.
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