Donnerstag, 14. Mai 2015

Liebe macht blind / Sehen macht Kopfweh - Zwischen Heulen und Jauchzen

Immer, wenn ich verliebt war, wusste ich das innerhalb weniger Tage. Nach zwei Wochen war ich mir immer sicher. Manches Mal habe ich dann noch irrsinnig lange versucht es mir auszureden aber es hilft ja nichts: Wenn man sich verliebt, sorgt irgendwas dafür. Es passiert einfach. Ich rede nicht von Schwärmerei. Sondern wenn man Menschen trifft, wo es einfach ZING macht und passt. Wo man einfach auf einmal neben den normalen Gedanken merkt das etwas nicht stimmt.

Ich weiß nicht, ob das gerade mit mir passiert. Zum ersten Mal bin ich so sprachlos, dass ich mich selbst nicht mehr verstehe, Ich erinnere mich schwach an das Gefühl, aber ich erinnere mich irgendwie. Oder sagen wir, mein Körper alarmiert mich das er das schon kennt.
Und es passiert mir selten. Merkwürdigerweise passiert das anderen häufiger, auch Männern, die mich kennenlernen. In letzter Zeit war ich von Männern angewidert. Bin es auch immer noch.
Und gerade das ist einer von den körperlichen Signalen meines Körpers, dass da etwas auf mich zukommt.

Diese Alarmbereitsschaft ist aber nicht schön für mich. Ich habe das Problem, dass die letzte Beziehung so furchtbar für mich verlief, dass sie mein Gesamtbild von Liebe um 180 Grad veränderte. Wo ich vorher selbstbewusst und romantisch war, bin ich heute eingeschüchtert und rational. Klimperwimpern belache ich spöttisch, weil ich den Hintergedanken des Mannes durchschaue und es mich anekelt und gleichzeitig mit den Augen rollen lässt.

Wo andere sich freuen, wenn sie merken, dass da etwas sein könnte, leide ich darunter.
Es ist längst nicht zu spät für mich, es fängt aber schon sich zu entwickeln. An manchen Tagen geht es mir dadurch sehr schlecht. Ich habe bemerkt, dass meine Hände unkontrolliert schwitzen in seiner Gegenwart. Das tun sie nie. Ich versuche gerade zu sitzen. Ich mache mich irgendwie besonders nett zurecht, obwohl er das ja gar nicht sehen kann. Aber irgendwie weiß ich, dass ich dadurch einfach am entspanntesten bin und er das dann natürlich mitbekommt. Zudem passe ich auf, nicht zuviele Gerüche zu mischen. Cremes wähle ich neutraler aus, Parfum etwas weniger, weil ich weiß das er das alles sowieso riecht und nicht will, dass er dabei mich selbst nicht mehr wahrnimmt.

Das muss ja alles auch verwirrend sein und störend, wenn man diesen Rausch an Gerüchen immer wieder wahrnimmt. Ich will mich halt nicht verfälschen, denn das was er sieht, soll so zutreffend wie möglich sein, mich von meiner besten Seite zeigen, so wie man es halt sonst bei Sehenden macht.

Doch egal wie sehr ich auch nachdenke, ich kriege mich nicht geordnet. Ich treibe so dahin und mein Kopf raucht um das alles einzusortieren. Lieben ist für mich schwer geworden. Es bedeutet für mich Stress, Verantwortung und Zeit. Ich finde das zwar theoretisch schade, aber fühle mich so gut wie es momentan ist - Ich setze mich viel mit mir selbst auseinander, verfolge meine Passionen und habe wenig Zeit für einen Partner und dessen mögliche Bedürfnisse. Und auch irgendwie nicht die Lust darauf. Das setzt mich unter Druck. Die Vorstellung, dass mich jemand vielleicht sogar täglich sehen will. Hinzu kommt, dass er eben auch so seine Problemchen hat, die ich nach so wenig Zeit nicht erahnen kann.

Aus seinen Aussagen kann ich vieles entnehmen, habe es aber selber noch nicht erleben können an ihm. Um das vorweg zu nehmen: Ich habe kein Problem mit seinem fehlenden Augenlicht. Das ist mir gleich. Ich finde es sogar spannend, dass er mich so unbefangen und anders behandelt.

Dennoch warte ich auf den ersten Ausrutscher, dass erste Freche was kommen könnte. Das erste, was mich verletzt oder was mich nervt. Und ich weiß, wenn sowas kommt fühle ich mich zurückversetzt und mache mit solchen Menschen kurzen Prozess um mich zu schützen. Zumindest will ich das.
Nur wie, wenn man sich täglich sieht? Wenn man zusammen arbeitet? Wenn er momentan ein so tiefes Loch hat und nur durch mich auf einmal wieder am Leben teilnimmt? Er gibt mir damit das Gefühl, ich sei der Auf- oder Untergang seines Glückes. Und das ist nicht sein Problem, sondern meines. Ich kann das nicht relaxt angehen. Ich bin die, die ihn jetzt kennenlernt und nicht verletzen will. Das könnte ich mir nicht verzeihen. Das hat überhaupt nichts mit Mitleid zu tun oder so nem Shit. Es ist einfach nur so, dass ich tierische Angst habe mich zu verlieren, dass nicht kontrollieren zu können. Und ich kenne mich: Wenn ich mich in ihn verliebe, dann bin ich der Sache ausgeliefert und es wird mir schlecht gehen, und dann natürlich auch ihm. Das könnte ein Desaster werden. Ganz zu schweigen von dem was um uns herum passiert, wenn das irgendwas draus wird.

Die Arbeit, die Kollegen. Meine Zukunft die noch so wackelt. Das alles kann kippen dadurch.
Wie kann ich damit umgehen? Kann ich mit ihm umgehen? Er ist nicht so selbstständig, wie ich es vielleicht brauchen würde momentan, wenn denn da doch ein Mann in mein Leben kommt.
Es kostet viel Kraft, die ich nicht habe. Es gibt Momente, in denen ich solche Angst vor allem habe das ich anfange zu weinen. Dann frage ich mich tatsächlich, warum jetzt und warum er.
Ich will nicht. Keinen Mann, keine Beziehung, keinen Sex, keinen Klammeraffe der mich vergöttert.
Und er ist ein Mann der sich nach Liebe sehnt, hat er selbst gesagt. Wann er denn mal dran wäre. Und das ihn das besonders runterzieht, dass er so alleine ist.

So doof das jetzt klingt, aber solche Männer ziehe ich an. Und im Normalfall würde ich damit souverän umgehen können, es wäre nicht das erste Mal. Aber er zieht mich an. Da ist auch bei mir was am köcheln. Äußerlich ist er nicht so meins, ich muss leider oberflächlich sagen das er einfach super klein ist und nicht sehr gepflegt aussieht. Also nicht schmuddelig, aber eben einfach diesbezüglich schon mal so gar nichts was mich anzieht. Er ist ja so recht niedlich. Aber da ist auf jeden Fall für mich nichts, was mich um den Verstand bringen könnte. Es ist wirklich sein Wesen, seine Stimme wenn er singt und spricht, auch wenn sie etwas hoch ist. Ich weiß aber, dass er sie verstellen kann, und das macht ihn sehr attraktiv, weil es etwas sehr kreatives hat.

Er singt, er macht Musik, er ist begabt, er ist schlau. Wenn ich nicht dort arbeiten würde und ihn so einfach kennengelernt hätte wäre ich wohl nochmal etwas ruhiger, weil da Distanz wäre.
Aber so... Habe ich Angst mich fallen zu lassen und abzuwarten. Ich will es einordnen können und wissen, was mein Herz mir sagen will. Ob ich schon verloren bin oder einfach nur überflutet von neuen Eindrücken, die eine kleine Verknalltheit vorkaukeln und in ein paar Wochen wieder verschwinden, sich zumindest beruhigen. Der Gedanke wäre mir ganz lieb. Dann denk ich aber wieder, dass er ja klare Signale sendet. Ich glaube, er ist schon ein wenig verloren. Ich weiß nicht, ob er wirklich schon mehr für mich fühlt. Ich denke, dass er einfach glücklich mit mir ist und einen Versuch sofort unterschreiben würde.

Seine Anspielungen sind unaufdringlich, aber Revier markierend. Ist ein anderer in der Nähe, so wird er ungehalten und genervt, will mich glaube ich dann auch für sich. Manches Mal scheint er wie ein kleiner Junge, wenn er sich freut. Aber auch wenn er so da sitzt und grübelt und nichts sagt. Dann meine ich immer zu merken,wie am liebsten überschwänglich mit mir in den Sonnenuntergang laufen will und überlegt wie ers anstellen soll. Dann denke ich wieder, er sucht ja einfach nur. Er lässt sich schnell mitreißen und ist schnell Feuer und Flamme, aber das geht auch genauso schnell vorüber wenn es ernst wird. Kann ich damit umgehen? Mit seinen Ausrastern und Ticks? Ja, wenn ich ihn liebe werde ich das wohl versuchen müssen. Aber es geht nicht. Es darf nich sein. Und doch habe ich kein schlechtes Gefühl mir vorzustellen, wie wir einfach zusammen Musik hören und er mir den Kopf streichelt oder was vorsingt.

Komisch. Und furchtbar. Und doch irgendwie ja gut. Aber es lenkt ab. Am Arbeitsplatz. Schon jetzt mag ich ihn nicht unten alleine lassen weil ich weiß das er da alleine sitzt und momentan keine Aufgabe hat. Warum denke ich soviel daran. Er ist alt genug, er müsste doch wissen dass er das alles mit sich ausmachen muss und ich nicht seine Heldin sein darf. Bin ich ungerecht?

Abwarten heißt es. Aber das kann ich nicht. Ich muss wissen, was mit mir los ist. Und das weiß ich grad nicht. Das kostet mich viel. Wenn es passiert. Und ich hoffe, dass er eine Stärke hat, die ich noch nicht gesehen habe. Mich auch zu beschützen. Mich zu verstehen und mir Zeit zu geben, ohne selber zu leiden. Professionell zu sein, das mit Arbeit zu managen. Ich hoffe, dass er demnächst eine Aufgabe für sich auf der Arbeit findet in der er aufgeht, die ihn zusätzlich stärkt.

Momentan bin ich einfach damit überfordert und habe Angst, mich auf meinen Untergang vorzubereiten. Und ich muss versuchen, dass alles einfach zu genießen ohne es zu dramatisieren.
Ich hoffe, er ist keine Klette. Ich hoffe, er ist nicht immer schweigend am Warten das ich jeden Tag für ihn da sein kann. Das alles sind begründete Sorgen. So viel kenne ich schon. Nach so kurzer Zeit.
Ich gehe von dem Schlimmsten aus. Und das macht mich verrückt.

Was, wenn aber alles anders läuft? Wenn es mich überrascht und ganz toll laufen würde? Geradezu perfekt? Das wäre was. Aber bis dahin habe ich Angst und bin verzweifelt.

Meine wilden Gedanken bringen mich fast um. Was immer mir das Schicksal geschickt hat, einen Bekannten, Freund oder Partner. Egal, was. Bitte, bitte lass' es alles glücklich enden.

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