Freitag, 15. Mai 2015

Mann bleibt Mann, und Mann hat auch Stolz

Also ehrlich. Warum betrachte ich das Ganze nicht mal viel allgemeiner um mich zu ordnen?
Er ist ein Mann, der sucht Liebe wie viele Singles. Er macht einen jungenhaften Eindruck, wenn auch das was er so zeitweise von sich gibt einen tiefgründigeren Geist offenbart.
Er ist mit Sicherheit für mich nicht unattraktiv, nur wirklich etwas zu klein. Im Gesamten hatten wir bisher nette Momente und intensive Musiksessions - Wir konnten entdecken, was wir alles gemeinsam haben und wollen uns deswegen auch privat mal treffen, um genau dafür etwas mehr Zeit zu haben. Letztlich ist das doch das ganz normale Prozedere. So wie es eben läuft. Und dann muss man schauen, ob und wie es dann weitergeht, ob da irgendwas ist und ob das was ist bleibt und sich verstärkt. Man darf sich von der Verliebtheit nicht einlullen lassen, denn die wahre Liebe kommt erst mit den Problemen und Unstimmigkeiten.

Ob er mich sehen kann ist Nebensache. Attraktiv findet er mich, dass kann er wirklich gut zeigen.
Ich sollte nicht den Fehler machen, ihn aufgrund seiner so einzigartigen Ansichtsweise in den Himmel zu heben. Das ist alles spannend und anziehend. Aber ich sollte ihm auch die Chance geben, ihn als Mann wahrzunehmen. Denn ich glaube, dass er das hier und da vermisst. Er dachte zum Beispiel, dass er für mich Minzfarben ist, weil er ja so feminin sei. Also, dass hat er runtergeleiert, demnach wohl schon öfter an den Kopf geworfen bekommen.

Ich habe darüber nachgedacht und versucht, dieses Urteil nachzuempfinden.
Es stimmt wirklich, dass er weil er recht jung aussieht manchmal etwas feminines hat. Seine Haare sind gelockt, seine Stimme relativ hoch wenn er spricht und er ist recht klein, daher wohl oft Opfer von unterschwelligem Spott.

Ich habe mitbekommen, wie einer der Kollegen ( ein Tontechniker ) immer vor sich hin gesungen hat. Das hatte mit seinem Nachnamen zu tun, weil der ein wenig ulkig klingt und schnell an ein Lebensmittel erinnert, dass nicht besonders, naja, erotisch ist. Seinen Namen will ich nicht nennen, schließlich will jeder auch irgendwo unerkannt bleiben. Ich versuche, ein ähnliches, anderes Namensbeispiel zu benutzen.

Wenn er jetzt z.B. Schnackerflugel heißen würde, dann hätte der Betreuer halt gesungen:
,, Die kleine Schnatterkugel sitzt auf der Bank, eine kleine Schnatterkugel lalalala".
Sorry, also das ist für jeden Mann doch wirklich eine Degradierung. Vor allem wenn man gerade versucht eine Frau kennenzulernen, die man auch mal hier und da gerne beeindrucken würde.
Er hat dazu wirklich nichts gesagt, er hats scheinbar ignoriert. Auch, dass er nichts tat den ganzen Tag, wurde einfach kommentiert mit einem " Na arbeitest Du wieder den ganzen Tag?". Was er dann mit einem "Halt die Schnauze!" abwehrte.

Ich meine, jeder versteht Spaß. Und ehrlich gesagt zeigt mir das jetzt aber wieder wie sehr wir alle von anderen beeinflusst werden, vor allem aber auch mal negativ.
Er hat ja gar keinen Grund, irgendwie zu glauben er sei nicht männlich genug oder zu klein oder was immer. Da das alles Äußerlichkeiten sind, die er gar nicht erfassen kann so wie wir ollen Hirnis.
Wie dreist ist es denn bitte, wenn man sich über etwas amüsiert, was ein anderer niemals selbst überprüfen kann? Wenn man sich über das Aussehen von jemanden amüsiert und es verniedlicht oder runtermacht, wenn dieser nicht weiß wie er aussieht? Wie soll da jemand selbstbewusst werden???

Mich macht das im Nachhinein voll sauer. Ich weiß nicht, ob es ihn wirklich stört. Aber ich kann es mir vorstellen, dass es ihn deprimiert. Das die Sehenden so einen bösen Vorteil an ihn zurückwerfen, den er gar nicht als Vorteil sieht. Es ist eigentlich nicht viel mehr als eine Beleidigung. Und hat man nichts Nettes zu sagen, sollte man lieber den Mund halten. Wenn es um so etwas banales geht wie unser Aussehen.

Wer wird denn bitte gerne mit einem Reisbällchen, einer Wurst oder einem Wackelpudding verglichen? Ist ja alles lecker. Aber auch als Blinder lernt man, wie Sehende etwas meinen und welche Vergleiche eher positiv oder negativ sind. Auch wenn er selbst vielleicht Wackelpudding ulkig findet wenn er ihn anfässt und sich gar nicht vorstellen kann was das eigentlich genau ist - So wird er gemerkt haben, dass Wackelpudding als Bezeichnung für einen Menschen nicht besonders reizvoll gemeint wird.

So sitze ich da also, und muss mir von den maßgeblichen so sozialen Menschen so einen kleinen albernen Gesang anhören. Und ich merke, dass der Typ nur halb soviel Mann ist wie er - Denn wer singt denn grade dumme Liedchen, die veralbern und einen Mitdreißiger beschreiben?

Sogar eine Praktikantin nennt ihn bei diesem Kosenamen. Ich finde den Namen super dumm für einen Mann, der sich sowieso schon nicht so mit sich wohl fühlt. Den selten jemand so ernst nimmt, dass er sich auch männlich und seinem Alter entsprechend fühlen kann. Geistig ist ja alles fit.
Da ich ihn wie einen Mann behandle und nicht wie einen kleinen Bengel, ich nenne ihn auch nicht süß oder grummelig oder so etwas, würde es mir tatsächlich schwer fallen ihn danach zu fragen.
Ob ihn das nicht stört. Ob er sich wirklich nicht ernst genommen fühlt, wenn man ihn so nennt. Klar meint das keiner böse, aber scheinbar denken die meisten nicht viel weiter als bis zur nächsten Wand, obwohl sie doch in so vielen Bereichen Toleranz und Respekt predigen.

Ich würde es auch nicht wollen, dass mich ständig jemand nur "Meine Große" nennt oder "Pummelchen". Da könnte ich bei einem Ausrutscher noch müde drüber schmunzeln, würde es demjenigen aber ankreiden dass er mich nicht "Blume" nennt oder "Prinzessin" - was ebenfalls irgendwie auch zu mir passen würde. Ein maßgeblicher Makel wird verniedlicht und man kriegt nen Kosenamen. Na ganz toll. Und gefragt hat Dich auch keiner, ob Du das wirklich amüsant findest oder nur nervig.

Natürlich belächelt er vieles mit Worten, er nimmt sich gerne selbst auf die Schippe. Aber niemals so wirklich auf etwas Äußeres bezogen. Er hat ein Gefühl für Schwere, aber nicht für optische Maße.
Manchmal muss er sich denken, dass um ihn herum dumme Riesen sind die sich über alles immer ein wenig zu viel amüsieren. Vor allem über Dinge, die sie nicht selbst betreffen.

Vielleicht tue ich ihm ja auch Unrecht. Vielleicht kommt er darauf wirklich klar und findet das gar nicht schlimm. Aber ich will mir einfach mal erlauben zu behaupten, dass ich Menschen gut durchschauen kann und gut darin bin einzuschätzen, was jemanden an sich selbst verunsichert, ohne das es jemals gerade heraus benannt wurde. Ich weiß nicht. Man tut halt nicht viel dafür, ihm das Gefühl zu geben er sei ein Mann wie jeder andere auch. Mit männlichem Stolz und ganz normalen Bedürfnissen, auch in der Welt unter den anderen Männern zu bestehen.

Für mich ist er ein Mann. Ich sehe, warum die Leute ihn verniedlichen und lieb anlächeln,wenn sie ihn sehen. Aber je mehr Zeit vergeht, desto mehr sehe ich den Mann, der da drinnen irgendwo versteckt ist und immer wieder klein gehalten wurde. Er hat eine starke Aura. Er ist wirklich ein besonderer Kerl. Und dann fällt mir auf, wie sehr die Sehenden ihn in einen Anzug gesteckt haben, der ihm im Allgemeinen schon von sich aus übel aufstößt und verunsichert. Ist das verständlich, was ich meine? Man muss ja nicht grade so tun, als wäre er ein riesiger Bulle der alle platt machen kann.
Aber man sollte Unsicherheiten nicht in Kindergesänge verpacken. Denn die sind für Kinder und diejenigen, die welche sein wollen.

Es ist eine Sache, wenn er fragen würde ob er kleiner ist als ich. Das weiß er ja auch selber schon.
Wenn er mich fragen würde, ob das für mich als große Frau schlimm ist, dann würde ich sagen Nein. Denn ich habe nichts gegen kleine Menschen, warum auch. Die einen sind klein, die anderen groß.
Wir wohnen ja nicht in Schlumpfhausen, wo alle gleich groß sind und blau.

Wenn er mich fragen würde, ob ich das attraktiv finde, dann würde ich sagen, dass es mir in erster Linie nicht um Attraktivität geht, sondern das ich selber recht groß bin und einen Mann toll finde, der mich voll und ganz umarmen kann, weil ich mich dann selbst nicht mehr so riesig fühle.

Es geht glaub ich nicht darum, ob ich das attraktiv finde, sondern ob ich das unattraktiv finde. Und da gibt es ein klares Nein. Ein Mann sollte mehr zu bieten haben als seine Größe.
Aber wenn die Körpergröße in der Art und Weise wiedergespiegelt wird wie der Mann sich gibt, dann ist das für mich eher unattraktiv. Ein Mann der sich klein hält. Der alles mit sich machen lässt. Und der sich wie ein kleines Kuschelkätzchen an eine Frau klammert, weil er sich dann sicherer fühlt. Nicht weil er blind ist, sondern weil er dann eben nicht alleine sein muss oder seinen Mutterkomplex ausleben kann. Aber das will ich ihm gar nicht unterstellen, solange er es nicht unmissverständlich auch so zeigt. Ich bin gespannt auf den Freizeitmann, der er ist. Wie selbstsicher ist er, wenn er so herumläuft? Wenn keine Kollegen da sind? Wenn wir WIRKLICH alleine sind? Wenn man draußen einen Spaziergang macht? Alles das kann ihn zu einem sehr reizvollen Mann machen. Und nicht zu einer Wurst, einem Wackelpudding oder einer kleinen, ulkigen Kugel.

Leute. Fangt an mal wirklich in andere Leute rein zu hören und fragt euch selbst, wie ihr euch manchmal unwohl fühlt, wenn euch ein Stempel aufgedrückt wird.
Niemand will immer nur der niedliche Giftzwerg sein, niemand immer nur die lustige, beleibte Freundin, die alles versteht. Jeder will mal der oder die Attraktive sein, egal warum. Sexy sein. Beeindruckend. Einzigartig. Und jeder will ernst genommen werden. Und verstanden.

Ich finde es schade, dass so wenig Leute in der Lage sind, sich wirklich Dinge zu Herzen zu nehmen und zu lernen, zu reflektieren und anzuwenden. Philosophien werden schnell mal für gut befunden und auf T-Shirts gedruckt - Aber viel zu selten auch beherzigt und verinnerlicht.

Die größten Toleranzschnacker in der Schule waren häufig auch diejenigen, die sich über den ulkigen Nachbarn amüsierten. Ich habe mich auch hier und da mal amüsiert, ich habe auch Schwächen und Vorlieben, Oberflächlichkeiten und Makel. Aber ich bin immer bereit, den anderen zu verstehen. Auch wenn derjenige mich nicht darum gebeten hat. Das tut man mit Menschen, die man sich aussucht, weil sie einzig sind in der Welt. Und das sollte man genauso auch lernen, mit Menschen zu machen die man vorschnell in eine Schublade stopft.
















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